Wenn Nutzer dein Design fertigstellen

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Vor ein paar Wochen hat mir YouTube ein Video empfohlen, das mich nicht mehr losgelassen hat: Kate Canales' TED-Talk über die versehentliche Brillanz von provisorischen Hinweisschildern. Darin zeigt sie Fotos von Schildern, die irgendjemand irgendwo aufgehängt hat, weil das ursprüngliche Design nicht intuitiv genug war. "Push then pull." "This is a light switch." "Use other door." Kleine, oft mit Klebeband befestigte Korrekturen der Realität.

Bilder aus Kates Talk

Kate, selbst Designerin und Dozentin, sieht darin längst nicht nur schlechtes Design. Sie sieht Menschen, die nachträglich retten, was im ersten Entwurf nicht aufgegangen ist — und nennt die Schildermacher selbst Designer. Als ich den Talk sah, kam mir das seltsam vertraut vor: Solche Schilder waren mir schon Monate zuvor aufgefallen — genau dort, wo meine eigene Arbeit auf echte Menschen trifft.

Meine Arbeit

Ich selbst arbeite als Software-Entwickler bei der Stadt München. Zusammen mit meinem Team entwickeln und betreiben wir die Software der Online-Terminvereinbarung. Termine lassen sich bequem über muenchen.de buchen, manche Dienstleistungen können (oder müssen) jedoch auch direkt vor Ort gebucht werden. Bei letzterer Variante kommt ein sogenanntes Kiosk-Terminal zum Einsatz: ein Gerät mit Touchscreen und Ticketdrucker, an dem ohne vorherige Online-Buchung spontan ein Termin gezogen werden kann. Ergänzt wird das Ganze durch Aufrufmonitore in den Wartebereichen, auf denen die aufgerufenen Nummern erscheinen.

So weit, so gut.

Zumindest auf dem Papier. Als Entwickler sieht man den Alltag der Nutzung vor allem über Tickets, Logs und Feature-Requests — selten über den Warteraum selbst. Hinzu kommt, dass unsere Kunden (neben den Bürger*innen) die Referate der größten Kommunalverwaltung Deutschlands sind: Zwischen dem Frust am Schalter und dem Ticket in unserem Backlog liegt eine Hierarchie, die vieles abfedert, bevor es bei uns ankommt. Erst in diesem Jahr haben wir uns im Team vorgenommen, bei den verschiedenen Kunden kleine Hospitationen vor Ort zu machen: zuschauen, wie die Software wirklich genutzt wird, und wo es noch hakt. Als wir vor ein paar Monaten einige Abteilungen besucht haben, zeigte sich ein Bild, das in keinem Ticket stand: Überall hingen Schilder.

Hier mal meine persönlichen Highlights:

Schild 1

Man kann die Frustration förmlich greifen.

Eine klare und unmissverständliche Botschaft im Befehlston: Es soll gefälligst nur einmal auf die gewünschte Dienstleistung geklickt werden. Wir Entwickler wissen dank unserer Testgeräte, dass der Druckvorgang ein paar Sekunden dauern kann. Jemand, der das Gerät womöglich zum ersten Mal bedient, ist da schon etwas ungeduldiger. Für uns war dieses Schild ein Hinweis darauf, ein entsprechendes Feedback in die UI zu integrieren, das signalisiert, dass die Wartenummer gerade gedruckt wird.

Schild 2

Oder wie wäre es hiermit?

Eine fehlende Übersetzung ins Englische. Das Hinweisschild hilft aus.

Hier scheint es lediglich darum zu gehen, die angebotene Dienstleistung auch in englischer Sprache auszuweisen. Unsere Software kann Mehrsprachigkeit. Uns wurde jedoch nie gemeldet, dass sie für diesen Standort benötigt wird. Wären wir nicht vor Ort gegangen, hätten wir dies nie in Erfahrung gebracht. Außerdem scheint es, als hätte der oder die Schöpferin dieses Schilds deutlich mehr Wert auf Übereinstimmung mit dem Corporate Design gelegt.

Schild 3

Hier ein weiteres Beispiel, das fast schon einer Benutzeranleitung gleicht:

Das Hinweisschild kompensiert, was unser Design nicht im Stande war zu vermitteln.

Die Intention hinter diesem Schild besteht darin, Menschen mit bestehender Online-Buchung davon abzuhalten, zusätzlich eine Wartenummer auszudrucken — sonst stünde man plötzlich mit zwei Terminen da. Auch das ist eine Situation, auf die wir im Team nie gekommen wären. Für uns war immer glasklar, dass Terminkunden (die online gebucht hatten) nie auf die Idee kämen, vor Ort nochmal eine Wartemarke zu drucken.

Noch eins

Zu guter letzt ein Schnappschuss, der zwar nichts mit unserer Software zu tun hat, aber ganz gut verdeutlicht, dass das Aufhängen von Schildern in öffentlichen Verwaltungen gang und gäbe ist.

Die Erkenntnis

Für jemanden wie mich, der bürgernahe Software baut, sind Aushilfsschilder nicht nur "liebvolle, menschliche Problemlösung", wie es Kate ausdrückt. Vielmehr sind sie die ehrlichsten Bug-Reports, die man je bekommt — sofern man bereit ist, vor Ort zu gehen, zu beobachten und mit den Menschen dort zu sprechen.

Ein paar Dinge sind mir besonders hängengeblieben:

  1. Schilder sind Symptome, keine Ursachen: Ein Zettel an der Wand ist fast nie ein Zeichen dafür, dass die Menschen "zu dumm" sind. Er ist ein unübersehbarer Indikator dafür, dass die Software oder der Prozess an dieser Stelle nicht intuitiv ist.
  2. Die Logik beim Programmieren schlägt selten die Realität im Warteraum: Beim Entwickeln denkt man in Systemzuständen, Datensätzen und sauberen Klickpfaden. Menschen in der Behörde handeln unter Stress, Zeitdruck oder Unsicherheit. Der logischste Ablauf bringt nichts, wenn er in der echten Welt nicht verstanden wird.
  3. Das echte Design sitzt oft vor Ort: In den Dienststellen wartet niemand, bis das nächste Softwarerelease die Probleme löst. Man löst sie sofort — mit Laminiergerät, Tesafilm und Edding. So gesehen könnte man die Hinweisschilder auch als kostenlose, hochgradig valide Prototypen erachten.

Und jetzt?

Kate beginnt ihren Talk mit der Absicht, Beispiele für schlechtes Design zu sammeln — endet aber mit einer anderen Erkenntnis: Für sie sind die Schilder vor allem Belege dafür, dass wir einander in der echten Welt noch brauchen, um ganz einfache Dinge hinzubekommen ("Muss ich an der Tür drücken oder ziehen?"). Jemand hat sich die Zeit genommen, Hinweise zu hinterlassen, damit es der nächsten Person ein bisschen leichter fällt als einem selbst. Ich finde diesen Gedanken schön, aber für mich als jemand, der die Software hinter diesen Schildern tatsächlich schreibt, reicht er nicht ganz aus. Ich kann mich nicht damit zufriedengeben, dass vor Ort unsere Lücken mit Tesafilm gekittet werden.

Was sich seitdem bei uns geändert hat, ist eigentlich ganz simpel: Wir gehen jetzt öfter raus. Ein Nachmittag im Warteraum erzählt uns mehr über unsere Software als ein Quartal voller Tickets. Die Schilder waren dabei kein Vorwurf an uns, sondern eher eine Einladung. Jemand hat sich die Mühe gemacht, ein Problem so genau zu beschreiben, dass es mit einem Blatt Papier und etwas Klebeband gelöst werden konnte. Das Mindeste, was wir tun können, ist, diese Beschreibung zu lesen und dafür zu sorgen, dass beim nächsten Mal kein Schild mehr nötig ist.