Ich habe gerade This Is for Everyone von Tim Berners-Lee beendet – das Buch, in dem der Erfinder des World Wide Web darüber nachdenkt, wohin das Web sich entwickelt hat und wohin es eigentlich hätte gehen sollen. Vieles darin ist bekanntes Terrain: die zunehmende Zentralisierung, die Macht der großen Plattformen, die Frage, ob das Internet noch dem dient, wofür es gedacht war. Aber eine Idee hat mich besonders gepackt – obwohl sie schon seit Jahren existiert, hatte ich bis dahin noch nie davon gehört.
Es geht um Solid.
Das Problem
Berners-Lee formuliert im Kern etwas, das viele von uns intuitiv spüren, aber selten so klar aussprechen: Daten sollten jedem selbst gehören, nicht den Konzernen.
Das klingt nach einem simplen Prinzip. In der Praxis sieht es anders aus. Unsere Fitnessdaten liegen beim Tracker-Hersteller. Unsere Fotos beim Cloud-Anbieter. Unsere Kontakte im Adressbuch einer Plattform, die wir vielleicht morgen gar nicht mehr nutzen wollen. Und wenn wir wechseln? Dann fangen wir bei null an.
Für Berners-Lee reicht es nicht, dass einem die Daten formal gehören. Entscheidend ist, dass man sie gezielt und ohne großen Aufwand anderen zugänglich machen kann – etwa Fitnessdaten an ein Krankenhaus, Kontaktdaten an einen neuen Messenger, Profilinformationen an ein soziales Netzwerk. Und dass man sie leicht von einem Anbieter zum anderen umziehen kann, ohne alles manuell exportieren und neu importieren zu müssen.
Ein Beispiel aus meinem Alltag: Bei manchen Fitnesstrackern muss man bezahlen, nur um Fitnessdaten anzuzeigen, die älter als ein Jahr sind. Daten, die ich selbst erzeugt habe, auf meinem eigenen Gerät. Das finde ich skandalös – und es ist symptomatisch für ein System, in dem der Nutzer nicht Eigentümer, sondern Mieter seiner eigenen Informationen ist.
Die Idee: Pods
Solid – kurz für Social Linked Data – ist Berners-Lees Antwort auf dieses Problem. Im Zentrum stehen sogenannte Pods (Personal Online Datastores): persönliche Online-Datenspeicher, die dir gehören und die du selbst kontrollierst.
Ein Pod kann allerlei Informationen enthalten – Profildaten in einem Pod, Gesundheitsinformationen in einem anderen, Blogposts in einem dritten. Anwendungen, die von Solid authentifiziert werden, dürfen auf diese Daten zugreifen, wenn du als Nutzer der Anwendung die Berechtigung erteilst. Nicht mehr, nicht weniger.
Entscheidend dabei ist, dass ein Pod überall liegen kann: auf der lokalen Festplatte, einem Firmenserver, dem eigenen Webspace oder bei einem Cloud-Anbieter. Du entscheidest, wo deine Daten physisch gespeichert werden. Die Anwendung, die du nutzt, hat keine eigene Datenbank mehr. Sie liest und schreibt in deinem Pod.
Das Solid-Ökosystem lässt sich in drei Bausteine zerlegen:
- Solid Identity – eine universelle Anmeldung für das dezentrale Web. Statt für jede App ein neues Konto anzulegen, nutzt du deine Solid-Identität.
- Solid Pod – dein persönlicher Datenspeicher. Fotos, Kontakte, Blogposts – alles liegt hier, sicher und unter deiner Kontrolle.
- Solid App – die Anwendungen, die du nutzt. Der Unterschied: Sie haben keine eigene Datenbank, sondern arbeiten direkt mit deinem Pod.
Dieses Modell bedeutet, dass du mehrere Apps nutzen kannst, um dieselben Daten zu verwalten, und Apps wechseln kannst, ohne deine Informationen zu verlieren.
Ein Blick unter die Haube
Als Softwareentwickler wollte ich nachvollziehen, wie sich Solid in der Praxis verhält – jenseits der Konzeptbeschreibung, direkt am Code. Grundlage dafür war das Tutorial Building Your First Solid App with LDO & React der Solid-Entwicklerdokumentation. Es eignet sich gut, um die Architektur schrittweise zu durchdringen und die Abstraktionen des Ökosystems an einem konkreten Beispiel zu verstehen.
Damit verschiedene Anwendungen dieselben Daten interpretieren können, baut Solid auf dem Resource Description Framework (RDF) auf – einem Standard, mit dem sich Entitäten und ihre Beziehungen zueinander formal beschreiben lassen. Die direkte Arbeit mit RDF ist jedoch aufwendig. Im Tutorial übernimmt daher LDO (Linked Data Objects) die Vermittlung: Die Bibliothek stellt Pod-Daten als typisierte JavaScript-Objekte bereit. Die Struktur dieser Daten wird über ShEx (Shape Expressions) definiert – vergleichbar mit einem Schema, das festlegt, welche Eigenschaften ein Blogpost oder ein Profil enthalten darf.
Wie die einzelnen Teile im Tutorial zusammenspielen, lässt sich so zusammenfassen:
Die App hat keine eigene Datenbank. Beim Login authentifiziert sich der Nutzer
über seine Solid Identity, LDO übersetzt die ShEx-Schemas in JavaScript-Objekte
und alle Beiträge landen als RDF in einem eigenen Ordner auf dem Pod – jeder Post
in einem eigenen Container mit index.ttl und optional einem Bild.
Das Ergebnis meines Experiments ist eine simple Microblogging-App, die Notizen und Fotos direkt in meinem Pod speichert. Die Daten liegen unter fabipod.solidcommunity.net – sichtbar, abrufbar, und sie gehören mir. Nicht einer Plattform, die morgen ihre Nutzungsbedingungen ändern könnte.
Was mich beim Durchklicken der Daten im Browser am meisten beeindruckt hat: Es fühlt sich nicht futuristisch an. Es fühlt sich an wie das Web, das wir hätten haben können – strukturiert, offen und unter der Kontrolle des Nutzers.
Warum hat sich das noch nicht durchgesetzt?
Hier wird es unbequem. Denn trotz der Eleganz des Konzepts scheint es in freier Wildbahn noch kaum echte Projekte zu geben, die Solid im großen Stil einsetzen. Das ist wenig überraschend: Unternehmen, deren Geschäftsmodelle auf Datensilos basieren, werden wenig Interesse an einer Technologie haben, die genau diese Silos aufbrechen soll.
Solid kann sich meiner Meinung nach nur durchsetzen, wenn eine von zwei Bedingungen erfüllt ist:
- staatliche Regulierung, die Datenportabilität und Nutzerkontrolle vorschreibt, oder
- eine kritische Masse von Menschen, die der Ansicht sind, dass ihre Daten ihnen gehören – und das auch einfordern.
Beides ist derzeit nicht in Sicht. Die großen Plattformen haben keinen Anreiz, ihre mächtigste Ressource freiwillig abzugeben. Und die meisten Nutzer – verständlicherweise – priorisieren Bequemlichkeit über Datenhoheit.
Außerdem bleibt eine wichtige Frage offen: Wie verhindert man, dass Dienste, die auf einen Pod zugreifen dürfen, diese Daten trotzdem in ihren eigenen Silos speichern? Die Berechtigung erteilt den Zugriff – aber nichts hindert eine App daran, alles zu kopieren und intern weiterzuverwenden. Solid löst das Problem der Speicherung, nicht zwingend das der Nutzung.
Eine Chance im KI-Zeitalter?
Vielleicht verändert sich das im KI-Zeitalter. KI-Systeme sind besonders dann leistungsstark, wenn sie möglichst viel über einen selbst wissen. Je mehr Kontext, desto bessere Antworten. Das Problem: Dieser Kontext landet heute bei OpenAI, Anthropic und Google – nicht bei dir.
Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen zunehmend skeptisch werden, den großen KI-Playern allzu viel Privates anzuvertrauen. Wenn dein persönliches Wissensmodell in deinem eigenen Pod liegt und du entscheidest, welche KI darauf zugreifen darf, wäre das ein fundamental anderer Vertrag zwischen Nutzer und Technologie. Solid wäre dann nicht nur eine Speicherlösung, sondern die Infrastruktur für souveräne KI-Nutzung.
Ob das reicht, um die kritische Masse zu erreichen? Ich weiß es nicht. Aber die Logik ist überzeugend.
Schlussgedanken
Solid ist keine neue Idee. Berners-Lee arbeitet seit Jahren daran. Die Technologie existiert, Tutorials sind verfügbar, Community-Pods wie solidcommunity.net laufen. Was fehlt, ist nicht das Wie, sondern das Warum – oder genauer: ein breites gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass es ein Problem gibt, das gelöst werden muss.
Ich bin kein Solid-Evangelist. Ich weiß nicht, ob sich das Projekt jemals durchsetzen wird. Aber nach dem Lesen von Berners-Lees Buch und dem Bauen meiner ersten Solid-App habe ich das Gefühl, eine der spannendsten Web-Ideen kennengelernt zu haben. Eine Idee, die älter ist als die meisten Plattformen, die heute unseren Alltag dominieren – und die uns die Frage stellt, ob wir im Netz weiterhin nur Mieter sein wollen, oder endlich wieder Eigentümer.
