Warum gute Werkzeuge nicht einsteigerfreundlich sein sollten

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Eines vorne weg: Dies soll keine Geschichte über Vim sein. Es soll auch keine Geschichte über Nischen-Tools im Allgemeinen sein. Es soll eine Abrechnung mit dem allgegenwärtigen Dogma der "Einsteigerfreundlichkeit" sein. Dieser Text ist der Versuch zu ergründen, warum digitale Werkzeuge eine Lernkurve brauchen und wie ein sperriges Tool aus den 90er-Jahren meinen Blick darauf verändert hat, was ein gutes digitales Werkzeug im Kern auszeichnet.

Der Anfang

Ende letzten Jahres nahm ich an einer internen Linux-Schulung teil und eines der Themen, die wir dort behandelten, ehe wir uns den Kernthemen widmeten, war der Texteditor Vim. Ich hatte davor schon öfter von diesem Tool gehört, mich aber nie wirklich damit beschäftigt. Wieso auch? Bis dahin konnte ich den DevOps-Alltag auch gut ohne Vim bewältigen - Nano sei Dank.

Dennoch gab ich Vim eine Chance. Ich wusste, dass es Leute gab, die extrem gut mit Vim umgehen konnten und dabei eher wie Zauberer statt Programmierer aussahen.

Schnell musste ich jedoch feststellen, dass alles ziemlich umständlich zu bedienen war. Man konnte nicht sofort drauf los tippen, sondern musste dafür erst in den Insert-Mode wechseln. Um das Getippte zu speichern, musste man wieder zurück in den Normal-Mode wechseln und dann mit Doppelpunkt den Command-Mode aktivieren. Zwar konnte man mit den Pfeiltasten navigieren, aber überall war zu lesen, dass stattdessen lieber die Buchstaben H, J, K und L verwendet werden sollten.

Der Vorsatz

Alles fühlte sich sehr ungewöhnlich und unintuitiv an. Aber ich blieb erstmal dran - schließlich muss es doch einen Grund geben, weshalb sich dieses Tool schon seit 1992 behaupten kann1. Ich nahm mir vor, Vim mindestens einen Monat lang zu nutzen. Doch wie sollte ich das anstellen? Nano durch Vim zu ersetzen ist eine Sache. VSCode durch Vim zu ersetzen eine ganze andere.

Glücklicherweise fand ich heraus, das Vim mehr als ein Editor war: es gibt Vim, den Editor und Vim, die Bewegungsbefehle (engl. motions). Die Vim Motions sind auf so gut wie jedes Programm übertragbar, egal ob Browser, Messenger oder IDE. Für VSCode gibt es ebenfalls eine Erweiterung, mit der man die Vim-Befehle ausführen konnte, ohne dabei auf die gewohnte IDE-Oberfläche verzichten zu müssen.

Die Erkenntnis

Der Monat ist mittlerweile rum. Um ehrlich zu sein ist schon ein halbes Jahr vergangen, seit ich mit Vim begonnen habe. So richtig geklickt hat es jedoch erst vor ein paar Wochen. Ich bin immer noch weit davon entfernt, ein Vim-Experte zu sein. Dennoch wage ich ein vorläufiges Fazit zu ziehen:

Vim ist einsteigerunfreundlich, aber es ist nutzerfreundlich.

Das ist keinesfalls ein Widerspruch.

Vim erfordert viele Bereitschaften. Die Bereitschaft, dran zu bleiben. Die Bereitschaft, alte Gewohnheiten loszulassen und sich auf eine neue Art des Arbeitens einzulassen. Die Bereitschaft, einen anfänglichen Produktivitätsverlust in Kauf zu nehmen und erst später davon profitieren zu können. All das macht es einsteigerunfreundlich.

Für alle diejenigen, die diese Bereitschaften an den Tag legen, bietet Vim jedoch eine unvergleichliche Nutzerfreundlichkeit. Es ist ein bisschen so wie beim Zehn-Finger-System: wenn ich es wirklich gut beherrsche, kann ich beinahe so schnell schreiben, wie ich spreche. Mit Vim ist es ähnlich: sobald die Tastenkombinationen ins Muskelgedächtnis übergegangen sind, kann ich Text beinahe so schnell editieren, wie ich denke.

Vim hat sich wie kein anderes Tool an die Ergonomie der Hände angepasst2. Man muss die Finger kaum noch von der Tastatur-Grundreihe bewegen. Währenddessen wird die Maus zum unwichtigen Nebencharakter. Gerade dieses Wegfallen der Maus empfinde ich als enormen Produktivitätsboost und Wegbereiter für den Flow-Zustand.

Das große Ganze

All diese Erfahrungen haben mich ins Grübeln gebracht. Warum hält diese Philosophie der Nutzerfokussierung (und nicht der Einsteigerfokussierung) nicht stärker Einzug in andere digitale Tools, die wir regelmäßig verwenden? Anfänger in etwas zu sein, ist meist eine sehr temporäre Phase. Und doch hat die Mehrheit aller digitalen Anwendungen primär den Einsteiger im Blick und versucht diesen mit intuitiven Benutzeroberflächen an die Hand zu nehmen.

Intuitiv bedienbar zu sein, ist heutzutage Standard und Buzzword zugleich. Effizient oder praktisch zu sein, steht wesentlich seltener im Fokus. In meinen Augen ist Intuitivität per se auch nichts Schlechtes. Eine Website, die ich nur einmal im Jahr besuche, sollte durchaus ein hohes Maß an Intuitivität bieten. Ich möchte möglichst ohne Nachdenken oder Studieren einer Anleitung zum Ziel kommen. Die Hürde sollte so niedrig wie möglich sein. Bei einem Tool, das ich täglich nutze, stelle ich die Intuitivität nicht zwangsläufig an erste Stelle. Hier möchte ich maximale Effizienz, Präzision, Ergonomie und im Idealfall auch einen gewissen Grad an Anpassbarkeit an meine persönlichen Bedürfnisse. Ich bin bereit, Zeit in eine Lernkurve zu investieren, wenn das Werkzeug mir auf lange Sicht erlaubt, Aufgaben schneller, flüssiger und mit weniger Reibung zu erledigen.

Software Quadrants

Subjektive Einordnung gängiger Tools nach Nutzungshäufigkeit, Einsteigerfreundlichkeit und Mächtigkeit (Kreisgröße). Tools verteilen sich nicht zufällig, sondern entlang eines Spannungsfelds aus Nutzungshäufigkeit und Einsteigerfreundlichkeit. Die "mächtigsten" Werkzeuge sind oft genau die, die am schwersten zu erlernen sind.

Ich glaube, diese Unterscheidung zwischen Werkzeug- und Alltagssoftware ist der entscheidende Punkt. Gute Werkzeuge erklären sich nicht von selbst. Gute Werkzeuge wollen erlernt werden - so wie ein Musikinstrument. Warum akzeptieren wir Lernkurven bei Instrumenten, aber nicht bei Software? Gute Werkzeuge reduzieren nicht die Lernkurve. Gute Werkzeuge sorgen dafür, dass sich die Lernkurve lohnt. Was wäre, wenn Software nicht primär darauf optimiert wäre, möglichst viele Nutzer sofort abzuholen, sondern darauf, ihre engagiertesten Nutzer maximal leistungsfähig zu machen?

All das sind Fragen, die ich mir in letzter Zeit stelle.

Der ewige Anfänger

Vielleicht erinnerst du dich noch an Clippy, die berühmt-berüchtigte Büroklammer aus den alten Microsoft-Office-Zeiten. Sie ist das perfekte Symbol für das Problem moderner Software: Sie entlässt ihre Nutzer nie aus der Anfängerrolle.

Viele Anwendungen sind hervorragend darin, den ersten Kontakt möglichst reibungslos zu gestalten. Doch je länger man ein Tool nutzt, desto deutlicher wird oft: Die Software ist immer noch auf denselben Anfänger optimiert wie am ersten Tag. Sie hört nie damit auf, uns virtuell auf die Schulter zu klopfen (und zu fragen, ob wir einen Brief schreiben wollen), anstatt uns mit unseren Fähigkeiten wachsen zu lassen.

Werkzeuge wie Vim verfolgen eine völlig andere Philosophie. Sie behandeln den Nutzer nicht als jemanden, der möglichst schnell zurechtkommen soll, sondern als jemanden, der bereit ist, besser zu werden. Die Lernkurve ist kein Versehen. Sie ist Teil des Konzepts.

Und wer glaubt, man könne Anwendern kein schwierig zu erlernendes Tool zumuten, der unterschätzt die Psychologie hinter echter Meisterschaft. Paradoxerweise sind es oft gerade die steilen Lernkurven, die eine unerschütterliche Kundenbindung und tiefe intrinsische Motivation hervorrufen. Ein Werkzeug zu beherrschen, das einem nicht alles mundgerecht serviert, erzeugt Stolz und ein Gefühl digitaler Selbstwirksamkeit. Wenn Software uns fordert, wachsen wir an ihr. Wenn sie uns unterfordert, langweilt sie uns.

Schlussgedanken

Vim ist ein gutes Beispiel für hervorragendes Design. Vermutlich ist es schwer, solch einen Grad an Perfektion zu erreichen. Aber man kann sich das ein oder andere davon abschauen. Den Nutzer nicht länger als hilfsbedürftigen Anfänger, sondern als mündigen Handwerker zu betrachten, wäre sicherlich ein guter Anfang.

Footnotes

  1. Den Vorgänger vi gibt es sogar bereits seit 1976.
  2. Um genau zu sein hat sich Vim selbst nicht an die Ergonomie der Hände angepasst. Vielmehr war es das von Bill Joy (der Erfinder von vi) verwendete ADM-3A-Terminal, dessen Tastaturlayout die Pfeiltasten direkt auf den Tasten H, J, K und L aufgedruckt hatte (vgl. hier)